Freitag

typologie - der bohèmien

Bohème =

Die Boheme schafft sich zur Legitimation ihrer Abkehr von der bürgerlichen Gesellschaft und ihres permanenten Angriffs gegen sie einen Stereotyp des Bürgers, das aus einer Anhäufung verachtens- bzw. hassenswerter Eigenschaften besteht. Diesem negativen Bürgerstereotyp steht der positive Autostereotyp der Bohème gegenüber. Die verbreitetsten Bürgerstereotype sind Kunstfeindlichkeit, Dummheit, Gewinnsucht, Borniertheit, scheinheilige Moralität, Untertanengeist.
Im Café findet die Bohème zum einen Öffentlichkeit, die sie braucht, um ihre symbolischen Aggressionen wirksam werden lassen zu können.
Noch andere Motive spielen eine Rolle: Zum Beispiel triste, unbeheizte Wohnverhältnisse, die Notwendigkeit, um der äußeren Existenzerhaltung und inneren Selbstbestätigung willen Anschluß an Freunde, Gönner, Bewunderer, Nachahmer zu finden, die Suche nach Ruhm oder ein Sprungbrett zum Erfolg.
Das Verhältnis der Bohème zur Großstadt ist von Faszination und Abstoßung zugleich geprägt. Einerseits braucht der Bohemien die vielfältigen Chancen (Kontakt zu Gleichgesinnten, reiches künstlerisches und intellektuelles Leben, Möglichkeiten zum Geldverdienen), die die Großstadt bietet, andererseits wird er mit der ganzen Härte des wirtschaftlichen Existenzkampfes konfrontiert. Es werden Städte und Stadtviertel bevorzugt, die ökonomisch günstig sind, eine geeignete Infrastruktur bieten (Ateliers, Akademien, Lokale, etc.) und eine passende Bevölkerungsstruktur besitzen (andere Künstler, Studenten). Die häufi
gsten Städte, bzw. Stadtteilnamen, die im Zusammenhang mit der Bohème auftauchen, sind: Paris/Quartier Latin, Berlin, München/Schwabing, Wien, Ascona und New York/Greenwich Village.
Die idealisierte Hochschätzung der Kunst als etwas „Göttlichem“ steht der Zwang gegenüber, dieses „Göttliche“ dem Mechanismus des Marktes preisgeben zu müssen. Viele Bohemiens versuchen diesem Dilemma zu entkommen, indem sie neben ihrer künstlerischen Tätigkeit einem „Brotberuf“ nachgehen oder ein „literarisches Doppelleben“ führen, d.h. marktorientierte Werke von äußerer Notwendigkeit als ökonomische Mittel zum Zweck der kompromißfrei intendierten Werke von innerer Notwendigkeit produzieren.

Digitaler Bohemièn =

Der Begriff „Digital Bohemian“ ist erstmals 1995 belegt und wurde geprägt von Elisa Rose und Gary Danner, die als das Künstlerduo „Station Rose“, ein öffentliches Multimedialabor gegründet haben und sich als Vorreiter der „Netzkunst“ bzw. „digitalen Kunst“ einen Namen gemacht haben. Der Begriff wurde von Sascha Lobo und Holm Friebe in Titel und Inhalt ihres 2006 erschienenen Buches Wir nennen es Arbeit: Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung aufgegriffen. Der Begriff ‚Digitale Bohème’ bezeichnet eine Berliner Gruppe von freischaffenden Medienberuflern um Holm Friebe, Sascha Lobo und Kathrin Passig mit künstlerisch-kreativen Ambitionen, die neue Kommunikationstechnologien nutzen, um ihre individuellen Handlungsspielräume zu erweitern. Das Manifest Wir nennen es Arbeit richtet sich vor allem gegen die Praxis der Festanstellung an sich, mit der Begründung, dass sie die persönliche Freiheit beschneide. Etliche Aspekte des Bürgerstereotyps werden hier auf den Angestellten angewandt. Die vorwiegenden künstlerisch-kreativen Aktivitäten der Digitalen Bohème sind: das Verfassen von Texten, das Erstellen von Konzepten, graphische Gestaltung/Design und Programmierung. Das klassische künstlerische Spektrum der Bohème wurde um die sekundären Kulturberufe erweitert.

NA, das sind doch Perspektiven...